29.04.2021 / Gudrun Mallwitz, Redakteurin der KOMMUNAL

KOMBA-Gewerkschaftschef: Was den öffentlichen Dienst attraktiv macht

© geralt / pixabay.com
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Andreas Hemsing im Interview mit der KOMMUNAL

Der öffentliche Dienst sollte seine Chance in der Corona-Krise nutzen und die Arbeitsbedingungen verbessern, fordert Andreas Hemsing, Vorsitzender der Gewerkschaft KOMBA. Was Mitarbeiter sich vor allem wünschen.

Von Gudrun Mallwitz, Redakteurin der KOMMUNAL

KOMMUNAL Herr Hemsing, welche Chancen eröffnet die Corona-Krise, um mehr Bewerber für den öffentlichen Dienst zu gewinnen?
Andreas Hemsing: Da in der Wirtschaft momentan nicht so viel eingestellt wird, stehen dem öffentlichen Dienst tatsächlich mehr Bewerbende zur Verfügung. Wir stellen fest, dass in der Corona-Krise viele offene Stellen durch Quereinsteigende besetzt werden konnten. Aufgrund von Kurzarbeit und Kündigungen in anderen Branchen lassen sich beispielsweise zumindest zurzeit leichter Personen im Ingenieurs- und Rechtsbereich akquirieren. Andererseits hat die Corona-Krise die Kommunen bei der Fachkräftesuche im IT-Bereich schmerzlich zurückgeworfen. Die Wirtschaft stellt wegen des Digitalisierungsschubs verstärkt IT-Expertinnen und Experten ein, die auch die kommunale Welt dringend benötigt.

Wie sieht es mit jungen Menschen aus, die einen Ausbildungsplatz suchen?
Die klassischen Ausbildungsberufe bei den Kommunen sind weiterhin gefragt. Doch bei den meisten jungen Menschen steht der Wunsch nach einem sicheren Arbeitsplatz nicht an erster Stelle. Für die Verwaltungsakademien gibt es genügend Bewerbende. Da ist jedoch häufig die Qualität das Problem.

Bringt die Entwicklung durch Corona auch Chancen für kleine Kommunen?
Unabhängig von Corona gilt, dass kleinere Kommunen nicht so viele Stellen zu besetzen haben. Dort läuft vieles über Mund-zu-Mund-Propaganda. Was wir generell feststellen: Viele, die für Ausbildung oder Studium in die Stadt gezogen sind, kehren wieder zurück, wenn sie Eigentum erwerben und Familie gründen wollen.

Was muss passieren, damit der öffentliche Dienst attraktiver wird?
Für Kommunen wird der Kampf um die besten Köpfe immer schwerer. Daher dürfen sie nicht mehr ausschließlich auf den Faktor Sicherheit des öffentlichen Dienstes setzen. Es muss vielmehr deutlich werden, welche vielfältigen Arbeitsmöglichkeiten die kommunale Welt bietet. In Tarifverträgen und im Dienstrecht werden den Beschäftigten Möglichkeiten eingeräumt, Beruf und Familie sowie Arbeit und Pflege von Angehörigen zu verbinden. Dazu gehören befristete Teilzeitverträge je nach Lebensphase. Ich sehe allerdings enorme Verbesserungsnotwendigkeiten. Studien bestätigen, dass Teilzeitkräfte bei der Lebenseinkommensentwicklung benachteiligt sind. Der öffentliche Dienst sollte Vorreiter sein, indem er bei Stellenbesetzungen nach dem Prinzip Eignung und Befähigung entscheidet. Dann können sich beispielsweise auch zwei Teilzeitkräfte eine Führungsposition teilen.

Was kann die Attraktivität als Arbeitgeber noch steigern?
Der Wunsch nach flexibleren Arbeitszeiten wird immer größer, deshalb ist es wichtig, die Digitalisierung endlich voranzubringen und mehr Flexibilität zu ermöglichen. Es kann nicht sein, dass die Beschäftigten ohne Akten nicht arbeitsfähig sind. Diese müssen ja aus Datenschutzgründen in der Verwaltung bleiben. Vielerorts herrscht zudem immer noch die Mentalität: Ein Häuptling braucht viele Indianer um sein Tipi. Da muss ein Umdenken her. Führen auf Distanz kann sehr gut funktionieren, sofern Vorgesetzte darin geschult sind. Es braucht aber ein klares Regelwerk in Zusammenarbeit mit dem Personalrat. Diese Regeln müssen unter anderem die Gefahr der Entgrenzung von Berufs- und Privatleben sowie den Aspekt der ergonomischen Arbeitsplatzgestaltung berücksichtigen.

Was ist mit der Bezahlung?
Der öffentliche Dienst kann in diesem Punkt mit der Wirtschaft wahrscheinlich nie konkurrieren. Aber: Der Fachkräftemangel wird eklatant, wenn in den nächsten zehn Jahren die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen. Dann verlassen rund 500.000 Beschäftigte die kommunale Welt. Bei den Tarifverhandlungen 2020 wurde nicht auf den demografischen Aspekt und die notwendige Fachkräftegewinnung eingegangen. Daher muss das ganz klar auf die Agenda für die Tarifverhandlungen 2022. Neben einer besseren Bezahlung müssen sich auch die Rahmenbedingungen verbessern. Beispielsweise gehen Kita-Kräfte und Pflegepersonal bei den jetzigen Arbeitsbedingungen selten gesund in Rente.

KOMMUNAL, das Magazin für Bürgermeister, Kommunalpolitiker und Verwaltung: www.kommunal.de

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